Das lebende OER

Dieser folgende Beitrag von mir ist ursprünglich am 04.03.2016 auf der Webseite des Projekts „Hamburg Open Online University“ veröffentlicht worden.

Das lebende OER


Gedankenexperiment [1]: Was wäre, wenn ein OER bzw. eine Open Educational Resource ein Lebewesen wäre?

Benennung und Einordnung

In diesem Fall muss es erst einmal mit einem lateinischen Namen benannt werden:

Materia aperta eruditionis (kurz MAE)

Übersetzung:

  • wortwörtlich:
    • Materia = Grundstoff
    • aperta = offen
    • eruditionis = bildend
  • etwas freier: freiverfügbare Bildungsressource

Die Einordung im Sinne der klassischen evolutionären Klassifikation [2] sieht dann wie folgt aus:

  • Reich: Ressourcen
    • Stamm: bildende Ressourcen bzw. Bildungsressourcen
      • Klasse: ..
      • Klasse: freiverfügbare Bildungsressourcen (MAE)
        • Ordnung: analoge
        • Ordnung: digitale
          • Familie: Videos
            • Gattung: Xvid
            • ..
          • Familie: Audios
            • Gattung: Ogg-Vorbis
            • ..
          • Familie: Fragebögen
          • ..

d.h. das MAE gehört zum Reich der Ressourcen und zum Stamm der Bildungsressourcen. Es bildet hier neben anderen eine eigene Klasse: die freiverfügbaren Bildungsressourcen und spaltet sich in zwei Ordnungen auf: die analogen MAEs und die digitalen MAEs.

Die Ordnung der digitalen MAEs fächert sich wiederum in viele verschiedene Familien auf: z.B. Videos, Audios, Bilder, Texte und auch komplexere Dinge wie z.B. Arbeitsblätter, Fragebögen, Tests. In einer speziellen Familie finden sich dann je nach Familie unterschiedliche Gattungen.

Darüber hinaus ist festzustellen, dass die Menge der digitalen MAEs schon recht umfangreich ist und dass die Anzahl der digitalen MAEs sich auch täglich vergrößert. Im Gegensatz dazu ist die Menge an analogen MAEs recht klein und nimmt besorgniserregend ab. Vielleicht sollten sie auf die Rote Liste [3] der vom aussterben bedrohten Arten gesetzt werden.

Reifung

Wie beim Menschen braucht es zur Geburt eines MAE Eltern, in diesem Fall aber nicht andere MAEs sondern Menschen. Und im Unterschied zum Menschen, der ja zwei Elternteile braucht, kann ein MAE von einem, zweien oder auch mehreren Menschen gezeugt werden. Bei MAEs spricht man aber eher von erzeugen und die Erzeuger heißen nicht Eltern sondern Autoren.

Nach der Geburt durchläuft ein MAE in der Regel eine Phase der Reifung. Diese drückt sich nicht wie beim Menschen in Jahren, sondern in Versionen aus. Am Anfang entwickelt sich das MAE meist schnell, es entstehen in einem kurzen Zeitraum mehrere Versionen. Verlängert sich die Zeit zwischen den entstehenden Versionen, so schreitet die Reifung voran. Entstehen keine neuen Versionen mehr oder nur noch sehr selten, so ist das MAE erwachsen. D.h. an den Zeiten zwischen den Versionen ist der Reifegrad eines MAEs zu erkennen.

Ist das MAE erwachsen, entlassen es seine Eltern (Autoren) in die freie Wildbahn, d.h. in das Ökosystem der Bildungsnetzwerke. Dabei entwickelt sich das MAE immer noch weiter, aber weniger im Inhalt. Während der Reifung hat ein MAE ein extrem leistungsfähiges Gedächtnis entwickelt. Alles was es im Laufe seines Lebens erlebt, wird gespeichert und nicht vergessen. Hierbei speichert das MAE seine Erlebnisse nicht in einem Gehirn, so wie wir Menschen, sondern in einem Bereich, der sich Metadaten nennt.

Diese Metadaten sind bei der Abnabelung von den Eltern nicht leer, sie sind schon mit gewissen Attributen über sein Äußeres (u.a. Höhe, Länge, Breite, Gewicht – meist in Kilobyte gemessen) und auch über sein Inneres (also dem Inhalt) gefüllt. Im Laufe seines Lebens ergänzt das MAE seine Metadaten durch weitere Daten, z.B.:

  • Wie habe ich Menschen gefallen?
  • Was haben Menschen über mich gesagt?
  • Wo haben Menschen mich gesehen?
  • Wohin haben mich Menschen genommen?
  • Mit welchen anderen MAEs haben mich Menschen zusammengetan?

Beziehungen

An den Ergänzungen wird deutlich: so ein MAE hat im Ökosystem der Bildungsnetzwerke viel zu tun. Es ist unglaublich, wie voll der Terminkalender eines MAEs sein kann. Quasi in Sekundenbruchteilen kann es mal in einem Moodle-Kurs in der Schweiz, auf einem Wiki in England, in einem OLAT-Kurs in Deutschland und dann wieder auf einem WordPress-Blog in Österreich sein. Bemerkenswert.

Wie schon erwähnt, merkt sich ein MAE, wo und vor allen Dingen mit welchen anderen MAEs es zusammen gewesen war. Und da MAEs extrem kontaktfreudig und offen gegenüber anderen MAEs sind, entstehen Freundschaftsbeziehungen. Je öfter sich MAEs begegneten, desto inniger, fester und enger werden die Beziehung bzw. Verknüpfung zwischen den MAEs. So entsteht übrigens ein Netz aus MAEs und unsere These ist, dass alle MAEs mit allen MAEs „über mehrere Ecken“ verbunden sind.

Netz von MAEs - Laborbedingungen, nicht freie Wildbahn (Jan 2016)

Netz von MAEs – Laborbedingungen, nicht freie Wildbahn (Jan 2016)

Wird das Netz als Ganzes betrachtet, so ist zu konstatieren, dass auch das Netz in ständiger Bewegung ist. Ständig entstehen neue Verknüpfungen zwischen MAEs und durch das Netz laufen regelrecht Wellen, wenn neue MAEs zum Ökosystem der Bildungsnetzwerke hinzukommen. Das Netz ist in einem ständigen Wandel, so dass das Netz selbst als lebendig, vielleicht sogar als ein Lebewesen erscheint. Haben wir es hier mit einer Schwarmintelligenz zu tun? Ein intelligenter Schwarm aus MAEs?

Nein, denn die Ursache für die Bewegung im Netz liegt bei uns Menschen. Als Eltern bzw. Autoren führen wir dem Ökosystem, d.h. dem Netz neue MAEs hinzu. Insbesondere auch als Nutzende, wenn wir MAEs suchen, anschauen, gruppieren, kombinieren, an neuen Orten – d.h. thematischen Kontexten – neu arrangieren, speichern dies die MAEs in ihrem Gedächtnis / in ihren Metadaten und so entstehen die neuen Verbindungen.

Aber nicht nur das. Indem viele Menschen immer wieder den gleichen Verbindungen von einem MAE zum nächsten MAE folgen, entstehen Wege im Netz der MAEs. D.h. wir Menschen erzeugen nicht nur MAEs, sondern wir erzeugen auch durch unsere Nutzung unbewusst Pfade im Netz der MAEs. Wobei wir diese Pfade auch bewusst erzeugen können, d.h. vergegenständlichen, so dass diese Wege präsentiert und weitergegeben werden können.

Navigation

Diese Wege verknüpft mit abstrakteren Dingen der Bildungslandschaft, wie z.B.:

  • Forschungsfragen
  • Bildungsbedürfnissen
  • Wissenslücken
  • Curricula an Hochschulen
  • Lehrplänen an Schulen herausgegeben von Schulministerien / -behörden

bieten uns Menschen Struktur, Halt und Anregung, uns in dem Netz von MAEs zurecht zu finden bzw. zu bewegen. D.h. diese abstrakteren Strukturen werden quasi zu einem Navigationsgerät der Bildung: „Beim nächsten MAE haben Sie Ihr Bildungsziel erreicht.“ Wir haben aber zu jederzeit die Macht, der freundliche Stimme aus dem Bildungsnavigator nicht zu folgen, und links oder rechts mal abzubiegen. Warum auch nicht, im Netz der MAEs gibt es so viel zu entdecken. 🙂

OERde16 – Fachforum

Keine Lust zu lesen? Dann hören und schauen Sie mir auf dem OERde16 – Fachforum (01.03.2016) zu.

Start: ca. 3:16:00 – Ende: ca. 3:26:00

Begriffserklärungen / Quellen

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Gedankenexperiment

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Systematik_(Biologie)

[3] http://www.bfn.de/0322_rote_liste.html

Lizenz

Creative Commons Lizenzvertrag
Das lebende OER von Dr. Iver Jackewitz ist – mit Ausnahme des YouTube-Videos – lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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